EINBUCH 2 | Der Mieter

 Miba Eisbraun | EINBUCH 2  1 von 1

Der Mieter

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EINBUCH 2 1 von 1 | Die Wohnung | Cover

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D E R  M I E T E R

Der Mann, von dem ich spreche, wohnte in einer großen Stadt. Dort hatte er an sich alles, was er brauchte: Eine Wohnung, darin einen Tisch und drei Stühle, ein Bett, eine Couch mit Beistelltisch, einen Kasten, eine Küche mit einem kleinen Tisch und zwei Stühlen, ein  Bad, eine Toilette. Der Städter besaß auch einige Bücher. Diese bewahrte er in einem kleinen Schrank auf. Die meisten hatte er geerbt. Sie waren Erinnerungsstücke. Er hatte auch ein TV-Gerät, ein Radiogerät, eine Stereoanlage, einen Computer mit Internetanschluss und einen Fotoapparat. Das Wohnzimmer und die Küche hatten je ein Fenster. Die Aussicht war nicht besonders. Die Fenster öffneten sich in einen Lichthof. Draußen gurrten öfters die Tauben. In der warmen Jahreszeit schrien die pfeilschnellen Schwalben oben im Himmelsrechteck. Fast immer lief die Lüftung des Lokals im Erdgeschoss. Gelegentlich tropfte der Regen auf die Fensterbleche. Ab und an waren die Stimmen und Geräusche der Nachbarn zu vernehmen. Die gerahmte Sonne war nur im Sommer zur Mittagszeit zu sehen. Im Hof wuchs ein Baum. Dieser Baum war nicht immer da gewesen. Er war groß geworden in den letzen Jahren. Von beiden Fenstern der Wohnung aus konnte man seine Äste berühren. Am Stamm des Baumes lehnte neben den Mülltonnen das Fahrrad des Mieters. Die Wohnung lag im zweiten Stock. Das Stiegenhaus war in Ordnung. Lift gab es keinen. Das alte Haus wurde von einer pflichtbewussten Hausbesorgerin betreut. Sie war keine Ausländerin.

 Im selben Stockwerk wohnte eine alte Dame. Die Fenster ihrer Wohnung lagen straßenseitig. Die alte Dame hatte es heller, aber laut. Nicht selten dachte sie über den Mieter nach. Als dieser eingezogen war, war er noch jung gewesen. Damals hatte er das Türschild angebracht. „K. Bellheim“. Herr Bellheim war ein unauffälliger Mann. Am Morgen jedes Wochentages verließ er die Wohnung und er kehrte nahezu ausnahmslos am frühen Abend wieder zurück. Die Nächte und die Wochenenden verbrachte er überwiegend zuhause. Die alte Dame wusste nicht, welcher Beschäftigung ihr Nachbar nachging. Die beiden pflegten einen freundlich-distanzierten Umgang miteinander. Gelegentlich besorgte Herr Bellheim seiner schon etwas gebrechlichen Nachbarin etwas aus der inneren Stadt. Einmal war Herr Bellheim krank gewesen. Die alte Dame hatte ihn mit dem Nötigsten versorgt. Daher kannte sie auch die Wohnung ihres Nachbarn und hatte einige private Worte mit ihm gewechselt. Es waren aber nicht viele gewesen.

 Auch wenn der Mieter an sich alles hatte, was er brauchte – offenbar auch Arbeit -, so machte sich die alte Dame doch Sorgen um ihn. Herr Bellheim hatte keine Freunde. Er hatte auch keine Partnerin. Als Herr Bellheim einmal krank gewesen war, hatte die Dame in seiner Wohnung Fotografien von diversen Frauen gesehen. Einige dieser Frauen waren der alten Dame bekannt. Herr Bellheim hatte einige wenige Male im Jahr abends eine von ihnen mitgebracht. Spätestens am folgenden Morgen hatten diese die Wohnung wieder mit ihm verlassen. Keine von ihnen war ein zweites Mal gekommen. Obwohl sie den Kranken damals gar nicht danach gefragt hatte, hatte er sich dazu geäußert: „Mir fehlt die Natur! Mir fehlt vor allem der Himmel, die Sonne, der Mond. Mir fehlen die Wiesen, die Wälder, die Tiere. Mir fehlen die Jahreszeiten. Mir fehlt das wilde Werden und Vergehen. Mir fehlen die Schönheit und die Hässlichkeit. Und manchmal fehlen mir auch die Worte. Und mit den Worten fehlt mir die Zeit. Mit der Zeit geht mir das Leben verloren. Deshalb brauche ich alle paar Monate die intensive Gesellschaft eines dieser Mädchen, eine dieser Frauen. Mit ihnen hole ich mir all das, was mir fehlt. Was mir bleibt?  Jeweils ein magisches Andachtsbild – und dann ist kurz alles wieder gut!“

 Blass war der kranke Mieter damals in seinem nesselwollenen Bett gelegen. Die alte Dame hatte sich flüchtig umgesehen. „Nichts wird wieder gut! Nichts, Herr Bellheim!“ – – – hatte sie freilich so leise geflüstert, dass der Kranke es nicht hatte hören können. Und noch viele Jahre lang hatte sie leise Anteil an den seltenen, aber regelmäßigen nächtlichen Ritualen ihres Nachbarn und seiner wechselnden Komplizinnen.

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