EINBUCH A 1 | Das Grab . U1277

Miba Eisbraun & P. Winfried Schwab

EINBUCH A 1  1 von 1 | Auftragswerk

Das Grab . U1277

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Miba Eisbraun & P. Winfried Schwab | EINBUCH A 1 1 von 1 | Das Grab . U1277 | Cover

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DAS GRAB

 Ein Mönch fuhr in den deutschen Norden. Dort lebten Protestanten. Der Mönch war Katholik. Er kam aus einem österreichischen Kloster. Es lag in den Bergen. Es barg die größte Klosterbibliothek der Welt. Es hatte auch ein Museum. Der Mönch liebte vor allem die Gegenwartskunst. Daher bereiste er andere Museen. Deshalb war er auch hierher in dieses norddeutsche Museum gekommen. Bei seinem Besuch ging der Mönch durch den Museumspark. Sein schwarzer Habit wehte im Wind. Er stieß auf ein Grab. Aus dem Rasen ragte ein Sehrohr. Dahinter stand ein Kreuz. Hier lag ein U-Boot begraben!

 Der Mönch war gebürtiger Deutscher. Er war auch Historiker. Er kannte das U-Boot-Ehrenmal Möltenort bei Kiel. Er kannte auch das U-Boot-Museum Laboe. Er kam zum Schluss: Es könnte sich um das U 1277 handeln! Das war ein deutsches U-Boot der ehemaligen Kriegsmarine. Gegen Kriegsende war dieses auf Feindfahrt gewesen. Zu einem Feindkontakt war es nie gekommen. Das U 1277 war einen Monat ohne Kursbefehl durch den Atlantik gefahren.

 ”Deutschland hat kapituliert”. So die Schlagzeilen vom 8. Mai 1945. „Deutschland – Deutschland – alles ist vorbei“. Für die Mannschaft des U 1277 war es noch nicht vorbei gewesen. Sie hatte aus 45 Mann bestanden. Der jüngste war erst achtzehn gewesen. Im Mönch stiegen Bilder auf. Die Klotzköpfe. Der erste Weltkrieg. Irgendwo in einem Schützengraben. Oliver Hardy tritt mit seiner Abteilung zum Sturmangriff an. Stan Laurel hält inzwischen die Stellung. Diesen Befehl führt er zwanzig Jahre lang eisern aus. Stan wird dort vergessen. Das Kriegsende bekommt er nicht mit.

 Am Morgen des 3. Juni 1945 war das U-Boot selbstversenkt worden. Den Befehl dazu hatte der Kommandant gegeben. Die Mannschaft war ohne Verluste in britische Kriegsgefangenschaft gegangen. Die Gewässer vor Porto waren gute Fischwasser. Dort war es lange zu Verlusten von zahlreichen Fischernetzen gekommen. Im Oktober 1973 waren Sporttaucher und Fischer auf ein Wrack gestoßen. Es hatte sich um das U 1277 gehandelt. Das Wrack war in einer Tiefe von 30 Metern auf sandigem Untergrund gelegen. Das Sehrohr ist bis heute unversehrt.

 Wenige Tage vor dem Mönch war der kleine Sohn des Direktors im Museumspark gewesen. Er hatte das U-Boot-Grab auch entdeckt. Man müsse nachschauen! Man müsse das U-Boot ausgraben! Man müsse es sehen! So der Bub. Das erzählte sein Vater dem Mönch. Der Mönch hatte davor von seiner Entdeckung berichtet. Beide lachten. Klasse! Beide waren einer Meinung: „Das ist ein Kunstwerk!“

 Der Bub wollte es nicht glauben. Das Sehrohr war ein Hydrant. Das Kreuz war ein Vermessungspunkt. An ihm war nur eine Tafel abgefallen. Die Halterung bildete den horizontalen Kreuzbalken. Der Bub ging immer wieder in den Park. Heimlich grub er nach dem U-Boot. Das immer tiefer werdende Loch tarnte er. Im Frühjahr mit Gras. Im Sommer mit Heu. Im Herbst mit Laub. Im Winter mit Ästen. Er grub jahrelang. Immer wieder kehrte er zu diesem Ort zurück. Kurz vor seinem Studienabschluss stieß er mit seiner Schaufel auf Metall. Er lächelte. Er warf einen Blick zum ehemaligen Büro seines pensionierten Vaters hinauf. Dem Mönch aber schrieb er eine bedeutende e-Mail. Er erzählte sonst keinem davon. In der Nacht darauf schaufelte er das Grab wieder zu. Ruhe in Frieden!

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 © Miba Eisbraun 2011

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